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Was wir von der Jazzimprovisation für das Teambuilding lernen können

Und was gute Teams mit guten Bands gemeinsam haben.

Jazz-Improvisation und Teambuilding

Auch, wenn man mit Jazz nicht viel am Hut hat - doch selbst die größten Musikmuffel unter uns müssen zugeben, dass sie staunen, wenn Musiker scheinbar mühelosest die wildesten Improvisationen abliefern. Aber was steckt da dahinter? Über Jimi Hendrix wird erzählt, dass er nie in seinem Leben Musikunterricht genossen hätte. Ist das also alles Talent? Oder ist es mehr als nur musikalisches Gespür? Und was hat das alles mit Teams zu tun?

Klären wir kurz, was Improvisation im Jazz eigentlich ist. Improvisation habe ich, wenn ein oder mehrere Menschen ohne schriftliche vorherige Fixierung musizieren. Das heißt, die gespielten Töne und Melodien entstehen spontan.

Ja, alles gut, aber nochmal: was hat das jetzt mit Teams zu tun?

In der Projektarbeit erleben wir das jeden Tag, dieses Zusammenspiel Mehrerer, das nicht vorher fixiert worden ist. Und auch wenn unsere Planung noch so gut und detailliert ist, aber auf der Umsetzungsebene verdanken wir viel dem spontanen Einfall und der Inspiration Einzelner.

Und hier kommt wieder unser großes “aber”. Das funktioniert - wie in der Musik - nur, wenn die handelnden Personen

  1. ganz genau wissen, was sie tun und
  2. sich gut vorbereitet haben.

Lernen von den besten

Und hier können wir sehr viel von Musikern wie Miles Davis, Chet Baker, oder Judy Carmichael lernen. Gute Improvisation hat eine Basis. Denn keiner der genannten hat sich einfach so auf eine Bühne gestellt und losgelegt. Im Gegenteil, da steckt sehr viel an Ausbildung und Training und Vorbereitung dahinter. Also so spontan ist die Improvisation gar nicht. Und so richtig frei ist sie auch nicht. Da gibt es Akkordfolgen und Tonleitern und sehr viel Formalität. Kommt Euch bekannt vor? Lasst es mich umformulieren: da gibt es Methoden und Prozesse und viel Formalität. Ha! Wie bei uns, nicht wahr?

Natürlich kann ich auch Projekte ohne diese Methoden und Prozesse abwickeln. Und es gibt sicher die eine oder den anderen Jimi Hendrix der Projektmanager, denen das gelingt, ohne dass die eigene Firma Pleite geht. Aber ich persönlich habe noch kein planloses Projekt erlebt, dass nicht irgendwann komplett in Flammen aufging. Ihr etwa?

Was gute Teams mit guten Bands gemeinsam haben

Was machen diese guten Jazzbands also und was können wir davon für uns mitnehmen?

  • Formalität
    Selbst Freejazz ist formal. Und selbst komplett selbstorganisierende Teams haben einen Rahmen, innerhalb dem sie sich bewegen. Sei es Scrum, PMBOK, DSDM. Aber es gibt eine formale Basis für die Teamarbeit. Und auf diese Basis sollten wir ganz besonders achten.
  • Klare Regeln
    Gut zusammenspielende Musiker halten sich an klare Regeln, wie zum Beispiel Tonart, Tonfolgen, Tempo, etc. Und auch gute Teams haben alle irgendwo gewisse Grundregeln definiert. Quasi die Grundpfeiler der Zusammenarbeit. Bei frisch zusammengestellten Teams sind das oft die Grundpfeiler und Artefakte der verwendeten Frameworks. Bei Teams, die bereits mehrere Tuckmanrunden absolviert haben, sehe ich aber auch oft ganz klare, knappe Anweisungen, an die sich alle zu halten haben und die - ganz wichtig - von allen gemeinsam aufgestellt wurden und akzeptiert werden.
  • Einverständnis
    Funktionierende Teams haben alle eine Sache gemeinsam: ihre Mitglieder hören aufeinander. Entscheidungen werden gemeinsam gefällt. Und auch in der musikalischen Improvisation geht es um Gemeinsamkeit. Da gibt es zwar oft einen, der - wortwörtlich - den Takt vorgibt, aber die Band einigt sich vor ihrem Auftritt auf die wichtigsten Grundregeln gemeinsam.
  • Und ganz wichtig: gegenseitiges Vertrauen
    Wenn ich mich auf meine Kolleginnen und Kollegen blind verlassen kann, bin ich in der Lage, mich zu entspannen und fokussiert arbeiten zu können. Und nur dann kann ich Spitzenresultate abliefern. Auf der Bühne wie im Büro.

Fazit - wie kann ich das jetzt für mich nutzen

Egal, ob ich für ein großes Projekt ein Team frisch aufbaue, oder ob ich als Agile Coach in eine Gruppe Veteranen komme. Aber ich versuche immer, eine Atmosphäre zu schaffen, in der Teams diese Punkte leben können.

Formalität und Regeln kann ich nicht erzwingen. So etwas muss vom Team kommen. Ich kann nur den Weg dafür bereiten und Vorschläge machen. Und auch gegenseitiges Einverständnis und Vertrauen kann man nicht auf Befehl erzeugen. Das kommt von ganz alleine, wenn die Teammitglieder das Gefühl haben, sicher zu sein. Und nur dann, wenn sich alle gemeinsam auf Grundregeln geeinigt haben und jede und jeder weiß, wie die Dinge ablaufen, kann wertvolle Improvisation entstehen.

Jimi

Ach, falls sich wer fragt, ob es denn stimmt, dass Jimi Hendrix nie Musikunterricht hatte: Jein. Billy Davis hat ihm ein paar Sachen auf der Gitarre gezeigt. Und Buddy Guy meinte in einem Interview, er hätte ihm ein wenig Unterricht gegeben. Das heißt, im Großen und Ganzen hat Jimi Hendrix sich das alles komplett selbst beigebracht. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.

Bilder von Gabriel Gurrola und Alessio MumboJumbo auf Unsplash.

Gedanken über modernes Projektmanagement - klassisch, agil, hybrid. Stephan Weinhold ist auch auf LinkedIn und XING. Du solltest ihm außerdem auf Twitter folgen.