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Warum wir scheitern - und kann man das Scheitern überhaupt verhindern?

Versagen tut weh. Aber Projekte scheitern. Manche spektakulär, die meisten eher langsam und still. Laut dem Standish Chaos Report wird jedes fünfte Projekt ein Reinfall. Eines von fünf. Jeder zehnte in Projekte investierte Dollar ist verloren. Einer von zehn. Da muss man mal kurz innehalten und sich das bildlich vorstellen. Und wer jetzt sagt, das sei alles Wasserfalls Schuld und beträfe nur Firmen, die den Anschluss verschlafen haben: vergangenes Jahr haben Firmen geschätzt über 40 Milliarden Euro mit agilen Projekten in den Sand gesetzt. Alleine in UK. Und wir reden hier nur von Projekten. Aber auch andere Dinge scheitern oft genug. Prozessmanager können da ein Lied davon singen. Six Sigma geht von maximal 3,4 Defekten je Million Durchläufe (DPMO) aus. Und viele Manager träumen Nachts von so Werten.

Warum scheitern Projekte

Ist das Scheitern also systemimmanent?

Bleiben wir kurz bei Six Sigma. Wenn sich schon der Name einer Methodik auf das Scheitern bezieht, wird das Versagen dann als systemimmanent betrachtet? Und zurück zum Projektmanagement. Auch wir Projektarbeiter kalkulieren den Totalverlust mit ein. Man kann ja nie wissen, es kann ja so viel passieren. Aber ich denke, das ist der falsche Denkansatz. Ja, es kann viel passieren. Darum habe ich ja in sämtlichen Metaframeworks ein sehr dickes Kapitel über Risk Management. Und ja, es passiert auch sehr viel. Aber wenn man sich die Gründe für das Scheitern ansieht, ist da nichts einfach so passiert. Projekte gehen in die Hose, wenn Menschen Fehler machen. Projekte scheitern, wenn Menschen scheitern. Und ich will hier gar nicht tiefer darauf eingehen, dass das Scheitern ein Schritt in Richtung Erfolg sein kann. Das hängt davon ab, was ich daraus mache. Ich will hier die Ursachen ausloten.

Gründe für Projektversagen

Bedienen wir uns mal der 5-Why-Analyse. Warum scheitern Menschen? Wenn wir mal im Projektumfeld bleiben, beginnt das schon ganz am Anfang. 41% der Firmen, deren Projekte überdurchschnittlich oft implodieren, sagen, fehlende Unterstützung des Projektsponsors ist der Hauptgrund für das Scheitern.
Das heißt, dem Projektsponsor - und das erlebe ich leider immer wieder - ist das Projekt eigentlich ziemlich egal. Wobei das fast zu kurz gegriffen ist. Der Projekterfolg ist ihm schon wichtig. Nur tun will er dafür nichts. Und die andere Seite gibt es auch. Der Projektsponsor will zwar, wird aber nicht ernst genommen. Und wer jetzt wieder meint, agile Methoden würden das alles in Wohlergehen umwandeln, weil es so altbackene Konzepte wie Projektsponsoren einfach nicht mehr gibt: was soll den so ein Epic Owner groß machen können, wenn er nicht mal mehr Budgetverantwortung trägt?

Zweites Why - Kommunikation Teil eins

Und gleich die nächste Studie: nicht klar definierte Ziele sind für 37% der gescheiterten Projekte verantwortlich. Was heißt das? Das bedeutet, dass jede und jeder, die und der an so einem Projekt arbeitet, keine Ahnung hat, was sie erreichen sollen. Das ist nicht nur demotivierend, das ist darüber hinaus auch noch komplett verwirrend. Der ehemalige österreichische Bundeskanzler Franz Vranitzky meinte angeblich einmal, wer Visionen habe, benötige einen Arzt. Aber wenn ich an einem Projekt arbeite, ein Projekt voranbringen soll, bei dem keine Vision voransteht, tue ich mir gewaltig schwer. Was soll ich machen? Wohin soll die Reise gehen? Wo muss ich anschieben, wo Druck herausnehmen? Und so arbeitet jede und jeder fröhlich - zu Projektbeginn -, bis komplett fertig - gegen Endtermin - vor sich hin. Und warum?

Drittes und viertes Why - schon wieder Kommunikation

Fehlende Kommunikation. Daran scheitern so Projekte. Daran scheitern die Menschen. Und weil ich heute in Studienzitierlaune bin, gleich die nächste: beinahe zwei von drei US-Angestellten sagen, Kommunikation sei die größte Herausforderung für ihre Teams. Wenn ich mit mehreren Menschen gemeinsam an einem Ziel arbeite und ich dieses Ziel nicht diskutiere, bespreche, vorstelle - kurz: kommuniziere -, werde ich nie erfolgreich sein. Egal, ob wir hier von Projekten reden, oder vom großen Ganzen.
Jetzt könnte ich mich zurücklehnen. Case closed. Aber erstens habe ich noch zwei Whys über und zweitens greift das (noch) etwas zu kurz. Fehlende Kommunikation wird oft übersehen, weil zwar viel geredet wird, aber nichts gesagt. Kleines Kommunikations-Einmaleins, ich weiß. Für mich lässt sich das unter dem Punkt nicht wertschätzende Kommunikation zusammenfassen. Und damit sind wir des Pudels Kern sehr nahe.

Das finale Warum

Was steht denn hinter so einer nicht wertschätzenden, so einer mangelhaften Kommunikation? In meinen Augen ist es fehlender Respekt. Projekte scheitern, Prozesse scheitern, Zusammenarbeit scheitert, Menschen scheitern, weil der Respekt fehlt. Und damit meine ich nicht nur den Mangel an Respekt vor der Sache an sich. Scotts berühmte Polarexpedition endete mit dem Tod aller Teilnehmer, weil man das Risiko auf die leichte Schulter nahm. Und das ist nur ein Beispiel von vielen und darüber hinaus auch noch ein extremes. Aber Ihr wisst, worauf ich hinaus will. “So eine Schnittstelle ist doch keine Herausforderung. So ein Haus haben wir schon hundert Mal gebaut.”
Aber für mich liegt das Hauptübel am fehlenden Respekt von Menschen untereinander. Robert Scott respektierte seine Expeditionsmitglieder nicht. Und wenn ich jemanden nicht respektiere, wird meine Kommunikation auch entsprechend sorglos sein. Das ist schon im Tagesgeschäft sehr fehlerfördernd. Wenn es aber stressig wird, ist diese schlechte Kommunikation fatal.

Dabei wäre die Lösung eigentlich recht einfach: ich muss mir den Unterschied zwischen Sympathie und Respekt bewusst machen. Und wenn ich mir darüber im Klaren bin, muss ich das meinem Team vorleben. Der Projektmanager, von dem ich am meisten über Strategie und Konzeptionierung gelernt habe, war menschlich ein absolutes Ekel. Ich konnte ihn nicht ausstehen. Und er mich nicht, da mache ich mir keine Illusionen. Aber wir haben uns respektiert. Und darum haben wir gut zusammengearbeitet. Sympathie ist super, sie erleichtert vieles. Und in Teams, in denen der Schmäh rennt, wie wir in Österreich so schön sagen (die gerne miteinander scherzen), ist vieles einfacher. Aber schlussendlich ist es der Respekt, der den Unterschied zwischen Erfolg und Scheitern ausmacht.

Bilder von Giuseppe Murabito auf Unsplash.

Gedanken über modernes Projektmanagement - klassisch, agil, hybrid. Stephan Weinhold ist auch auf LinkedIn und XING. Du solltest ihm außerdem auf Twitter folgen.