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Ist Scrum tot?

Warum Scrum seine Schuldigkeit schon längst getan hat.

Kaizen und agiles Projektmanagement

Zuerst das Positive: wann Scrum die richtige Methodik war

Viel wird über Scrum geschrieben. Es sei ein Allheilmittel für sämtliche organisatorischen Wehwehchen, die Lösung aller projektmanagementtechnischen Probleme, Agilität und Glückseligkeit. Ganz schön viel Erwartungshaltung für ein Framework, dessen Dokumentation gerade mal 16 Seiten Inhalt hat. Aber ich denke, diese Einfachheit, diese (absichtliche) Limitiertheit ist auch das Geheimnis des Erfolges von Scrum. Ich muss nicht viel Ahnung von Prozess- und Projektmanagement (das ja mehr oder weniger eine Unterkategorie von ersterem ist) haben, um Scrum verstehen zu können. Ein bisschen neue Türschilder, ein bisschen Reviews und Retros, ein bisschen Dailies, ein bisschen Feenstaub und schon bin ich eine agile Projektmanagerin, ein agiler Projektmanager.

Warum das gut ist

Gerade bei komplexen Thematiken ist es wertvoll, wenn ein Einstieg ein solider ist, der schnell angewendet werden kann. Und Scrum ist definitiv so einer. Nicht zu viel schwer greifbare fernöstliche Philosophie, nicht zu viel Umbruch. Und dennoch ein frischer Wind. Veränderung. Eine Möglichkeit, mit Veränderung besser umgehen zu können. Und erreichbare Vorgaben. Scrum versteht sogar der versteinerteste 90er Jahre-Manager nach einer kurzen Schulung. Und viel nachdenken muss ich auch nicht. Steht ja alles im Scrum-Guide ganz genau erklärt.

Warum das schlecht ist

Menschen, die andere verführen, die anderen vorgaukeln, für jegliche komplexen Zusammenhänge gäbe es eine einfache Lösung, nennt man Demagogen. Und nein, ich meine jetzt nicht Scrum, sondern diejenigen, die uns Scrum als Wundertinktur verkaufen wollen. Zwei Gründe, warum es das nicht ist.

  1. Projektmanagement ist so viel mehr, als die tägliche Softwareentwicklungsarbeit eines Teams. Da gibt es vordergründig Stakeholder, Risiken, Budgets, Constraints, Zeitpläne, und vieles andere zu managen. Und hintergründig steht da immer eine Grundphilosophie, eine Kultur, ein Menschenbild. Vor allen und ganz besonders bei agilen Vorgehensmodellen.
  2. Agilität ist so viel mehr, als die tägliche Softwareentwicklungsarbeit eines Teams. Und ja, ich weiß. Im Scrum Guide steht nicht nur Inspect & Adapt, sondern sogar auch noch Transparenz als Grundvoraussetzung dafür. Aber da geht es nur um das Team, um das Wissen des Teams. Scrum selbst ist “perfekt”. Eine Methodik, die einmal ausformuliert wurde und sich seitdem nicht mehr wirklich verändert hat. Das genaue Gegenteil von Kaizen, wenn Ihr mich fragt.

Kaikaku und agiles Projektmanagement

Painting agile

Meiner Meinung nach ist Scrum genau deshalb so beliebt. Weil es im Grunde alter Wein in neuen Schläuchen ist, more of the same. Denn sind wir uns ehrlich, nach den ersten paar Sprints ist Scrum bei den meisten Teams nichts anderes, als unser gutes altes Wasserfall. Natürlich habe ich jetzt einen Scrum Master und einen Product Owner. Und ich arbeite meine User Stories in Sprints ab. Und ich habe den Customer Value. Und ja, ich habe Abläufe verändert, angepasst.

Für den Anfang ist das wertvoll und gut. Eine neue Denkweise, ein neuer Ansatz. Aber flexibler bin ich nicht geworden. Ganz im Gegenteil. Ich habe ein starres Framework durch ein anderes starres Framework ersetzt. Und nach der ersten Adaption oder der ersten Umstellungsphase, machen meine Teams wieder das, was sie vorher gemacht haben. Darum funktioniert Scrum auch in so vielen Fällen auf Dauer nicht. Klar, wenn meine Vorgehensweise vorher nicht funktioniert hat, wird sie mit ein wenig frischem Lack obendrauf genauso wenig funktionieren. Oder um in der agilen Sprache zu bleiben: Kaikaku ist gut, aber ohne Kaizen sinnlos.

Sehe das nur ich so?

Nein. Warum würde es dann mit LeSS, SAFe, scrum of scrums, Scrum@Scale, etc., so viele Versuche geben, Scrum zu skalieren? Warum würden Sutherland und Schwaber dann primär mit dem Angebot von immer neuen Zertifizierungen beschäftigt sein? Warum würde es dann so viele verzweifelte (Fehl-)versuche geben, Scrum außerhalb der Softwareentwicklung einzusetzen? Meine Meinung: Scrum ist tot.
Der einzige, der das noch immer nicht kapiert hat, ist Mike Cohn. Der wird auch in 100 Jahren noch glauben, seine Command & Control-Herangehensweise sei agil und modernes Management. Aber das ist eine andere Geschichte.

Nicht nur in der Softwareentwicklung, generell ist eine Unterscheidung zwischen Run und Change, zwischen der Prozesswelt und der Projektwelt, zwischen Operations und Veränderung immer schwieriger. Frameworks, Ansätze, Methodiken, die da bestehen wollen, müssen nicht nur über den Tellerrand sehen, sie müssen auch auf einer viel tieferen Ebene ansetzen, als unser Scrum das macht.

Ist Scrum also schlecht?

Nein. Nur wie es verwendet wird, ist meiner Meinung nach nicht zielführend. Und schlecht ist es auch, wenn Menschen in Scrum mehr hineininterpretieren, als es ist. Bloß, weil ich eine Methodik anwende, die im Sammelbecken agiles Projektmanagement herumschwimmt, arbeite ich nicht agil. Das heißt nicht, dass Scrum komplett sinnlos ist. Im Gegenteil: ich finde, es enthält einige sehr wertvolle Ansätze und Ideen, wie ich - vor allem, wenn ich vom traditionellen Projektmanagement komme - meine tägliche Arbeit strukturieren kann. Wenn ich dann aber auf dem Level stehen bleibe (und ich beobachte sehr viele, die genau das machen), bin ich nicht agil. Agil sein heißt für mich, Kaizen zu leben. Mich stetig weiterzuentwickeln. Meine Methoden stetig weiterzuentwickeln. Und wenn ich das mache, werde ich den einen oder anderen Prozess aus dem Scrum Guide verwenden. Aber im Großen und Ganzen wird Scrum sehr bald seine Schuldigkeit für mich erfüllt haben.

Bilder von Nathan Peterson und Zoltan Tasi auf Unsplash.

Gedanken über modernes Projektmanagement - klassisch, agil, hybrid. Stephan Weinhold ist auch auf LinkedIn und XING. Du solltest ihm außerdem auf Twitter folgen.