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In wie vielen Teams kann ein Scrum Master sitzen

Und warum zwei die richtige Antwort ist.

Schlaue Sprüche

Wir alle kennen ihn, den Spruch „Ein guter Scrum Master kann zwei Teams führen, ein großartiger Scrum Master kann ein Team führen“. Warum das meiner Meinung nach ein ausgemachter Blödsinn ist? Und in wie vielen Teams kann ein Scrum Master denn nun sitzen, um diese optimal unterstützen zu können?

Schauen wir uns mal die Argumente der Ein-Scrummaster-je-Team-Theorie an

  • Der Product Owner braucht jemanden, der ihn rund um die Uhr bewacht und dafür sorgt, dass er sich nicht in die Arbeit einmischt, denn…
  • Das arme Team ist alleine vollkommen hilflos und kann sich nicht gegen den Product Owner wehren.

Zusätzlich führen Anhänger der Ein-Team-je-Scrum-Master-Theorie gerne die mannigfaltigen Aufgaben an, die ein Scrum Master so hat. Und deren effiziente Erfüllung erfordert eben viel Zeit, Muße und Hingabe. Aber (und es gibt immer ein großes “aber”).

Schauen wir uns mal die Realität an

Effizient ist etwas anderes als effektiv. Ja, wir haben als Scrum Master verdammt viele Aufgaben und Pflichten und Verpflichtungen. Auch der Organisation für die wir tätig sind, aber vor allem unseren Teammitgliedern gegenüber. Nur - und für die religiösen Scrumer dürfte das eine neue Erkenntnis sein - sind die alle erwachsen. Und wir können das, glaube ich, alle recht gut nachvollziehen: die wollen auch wie Erwachsene behandelt werden.

Verbrennt alle Checklisten

Vertraut Euren Teams! Die können das alles recht gut alleine. Vergesst alle Checklisten für Scrum Master, die Euch die Scrum-Hohepriester so ans Herz gelegt haben (außer dieser hier). Benutzt Euren Hausverstand. Ja, der ist uns oft im Weg, aber hier hilft er ungemein.

Sind wir uns ehrlich: wenn ich zwei Wochen auf Urlaub bin und während meiner Abwesenheit geht mein Team komplett den Bach runter, habe ich irgendetwas falsch gemacht. Nicht kurz vor meinem Urlaub, sondern eigentlich die ganze Zeit lang.

Das Gegenteil von gut ist gut gemeint

Ein Scrum Master, der den ganzen Tag bei seinem Team sitzt, hat oft den gegenteiligen Effekt der eigentlichen Intention. Wenn das Ziel ist, jemanden zu haben, der ausschließlich für das eine Team da ist, ist das Resultat oft, dass Scrum Master und Team sich gegenseitig gewaltig auf die Nerven gehen. Und schlimmstenfalls endet es damit, dass sie nebeneinander her leben und die Scrum-Events nur noch pro forma und gelangweilt abhandeln. Ist das dann noch Scrum? In meinen Augen nicht.

Aber warum passiert das? Weil unsere Aufgaben sehr gegensätzlich sind. Der Scrum Master hat viele Rollen, das Team oft nur eine. Und wir Scrum Master haben keine offensichtlich produktive Aufgabe. Wir erschaffen nichts direkt vorzeigbares. Und wenn man dann den ganzen Tag so dasitzt, kommt man in Versuchung, Teambuildingspiele oder ähnliches abzuhalten und unser Team damit komplett aus dem Flow zu reißen.

Theorie vs. Realität

Wer gewinnt also, die Theorie oder die Realität? Wie immer im Leben: die Realität.
Das heißt, wenn ein Scrumteam nicht zu viele Mitglieder hat (mehr als sieben Entwickler - aber bei größeren Teams habe ich sowieso andere Sorgen) und ich als Scrum Master auch schon ein wenig Erfahrung mitbringe, sollte ich mich - meiner Meinung nach - unbedingt in ein zweites Team setzen. Und wenn in meiner Firma nur ein Scrumteam existiert, würde ich mir eine zusätzliche Aufgabe suchen.

Denken wir an unsere Kindheit zurück: wir sitzen mit unseren Freundinnen und Freunden in einem Kinderzimmer und spielen Und da gab es immer die Mütter, die alle Augenblicke mit Saft und Keksen ins Kinderzimmer kamen. Die haben gewaltig genervt, oder? Und so wollen wir sicher nicht sein. Also lassen wir unseren Teams auch mal ein wenig Luft und vertrauen ihnen.


Gedanken über modernes Projektmanagement - klassisch, agil, hybrid. Stephan Weinhold ist auch auf LinkedIn und XING. Du solltest ihm außerdem auf Twitter folgen.